1976

Drehen wir das Rad der Zeit einwenig zurück und halten es im Frühjahr 1976 wieder an!

Mai 1976: Meine Schwester ist gerade mal seit neun Wochen auf der Welt; an mich wurde noch nicht einmal gedacht; der UFC Oggau führt die burgenländische Landesliga an; in der Ostliga spielen unter anderem der ASV Siegendorf, der Prater SV, Helfort, Böhlerwerk und die Admira aus Wiener Neustadt; und in der „Nationalliga“ genannten zweithöchsten Spielklasse der Republik steht die 25. Runde auf dem Programm.

Die Liga wurde vom First Vienna Football Club 1894, der bisher 35 Punkte sammelte, angeführt. Dahinter rangierte der Wiener Sport-Club/Post mit 32 Zählern und der SCE lag zusammen mit dem I. Simmeringer SC auf der Lauer. Beide Teams hielten bei 30 Punkten, wobei die Simmeringer ein Sternderl in der Tabelle – so auch der SV Stockerau – angeklebt bekamen. Dieser wies dezent darauf hin, dass es bei der im März ausgetragenen Partie zwischen Stockerau und Simmering zu einem Spielabbruch kam: Der Wiener Brezowar blieb nach einem „unglücklichen“ Zusammenstoß mit einem Stockerauer Funktionär regungslos liegen. Die Simmeringer Spieler und Funktionäre weigerten sich, ihn vom Feld zu tragen. Der Referee brach dann in der 86. Minute ab. Der Spieler wurde anschließend ins Spital gebracht und das Spiel mit 0:0 und null Punkten gewertet.

Ach ja, wiederum nur einen Punkt hinter den beiden Punktegleichen lag der 1. Wiener Neustädter SC auf Platz Fünf.

Am 14 Mai 1976 kam nun der Tabellenführer ins Lindenstadion und zwei Tage zuvor fand ein Spiel statt, mit dem diese Nationalliga-Partie dann sogar verglichen wurde: Das Finale des Europapokals der Landesmeister zwischen dem FC Bayern München und dem AS Saint Etienne (1:0).

Im Lindenstadion war der SCE in dieser Saison bisher noch nie als Verlierer vom Platz gegangen. In zwölf Spielen gab es sieben Siege der Heimischen zu sehen und fünf Partien endeten unentschieden. Um näher an die Vienna heranzurücken, musste unbedingt gewonnen werden, also wurde noch ein kräftiger Schluck vom Mineralwasser des SCE-Sponsors genommen, die berühmten Stiegen zum Spielfeld runter gegangen und gehofft, dass man die in ihr schickes Taschentuch-Drikot gehüllten Döblinger bändigen könne. 1.800 Zuschauer zog dieses Spitzenspiel der Nationalliga an und fast so wie beim Europacup-Finale im Hampton Park von Glasgow spielte der Aussenseiter groß auf.

Faksimile – BF Onlinearchiv: Szene vom Hinspiel im Herbst, das die Vienna 2:0 gewann.

Die BF schrieb über dieses Spiel:
WIE BAYERN – ST. ETIENNE
Die erste Heimniederlage für Eisenstadt! Steirertor ebnet Vienna Weg in Bundesliga!
Ein billiges Tor, wie man es nicht alle Tage zu sehen bekommt, besiegelte die erste Heimniederlage der Eisenstädter und machte Vienna den Weg in die Bundesliga frei. Ein harmloser Rückpaß von Reinhalter in der 9. Minute wurde den Granabetter-Schützlingen zum Verhängnis: Sowohl der mitgelaufene Scheidl, als auch Keeper Martinschitz verfehlten den Ball und Zimmermann hatte wenig Mühe, ins leere Tor zu schießen. Dieser unglückselige Treffer genügte den Döblingern zum Sieg, obwohl sie in 90 Minuten kaum eine echte Torchance vorfanden. Eisele & Co. diktierten eine gute Stunde lang das Spiel, verzeichneten einen Stangenschuß durch Rittsteuer und verhauten auch andere gute Möglichkeiten.

Wer diese Begegnung sah, mußte unwillkürlich an das Europacupfinale Bayern München gegen St-Etienne denken. Genau wie die Franzosen bestimmten die Eisenstädter das Tempo, waren aggressiver, beweglicher und dadurch auch gefährlicher. Nicht die bessere Taktik oder das reifere Spiel entschied für die Vienna, sondern Göttin Fortuna. Trainer Granabetter: „Das ist eben das Glück des Tabellenführers.“
In der 7. Minute haben die Döblinger erstmals Glück, als eine Rittsteuer-Granate aus gut 20 Metern den linken Pfosten trifft. Zwei Minuten später dreht Dannhauser einen Schuß von Schneider in den Korner und schon im Gegenstoß das glückliche Goldtor für Vienna durch Zimmermann.
Doch die Eisenstädter überwinden den Schock und dominieren weiter:
14. Minute: Dannhauser verfehlt eine Flanke Strebeles, Schneider kann die Chance nicht nützen.
25. Minute: Dannhauser entschärft eine Schneider-Bombe.
67. Minute: Rittsteuer köpfelt um Zentimeter übers Tor.
68. Minute: Rittsteuer verschießt aus kurzer Distanz.
73. Minute: Eine Spielerei zwischen Dannhauser und Leitner verschlafen die SCE-Stürmer.
82. Minute: Reinprecht bombt vom Elfer übers Tor.
83. Minute: Ein Schuß von Reinhalter wird eine Beute Dannhausers.

Vienna hat eigentlich nur eine Chance, als Martinschitz in der 72. Minute einen Schuß des druchgebrochenen Caha abwehrt. In der anderen Zeit begnügen sich die Döblinger damit, Eisenstadt durch Fouls im Mittelfeld aus dem Konzept zu bringen. Hauptleidtragender war dabei Fredi Eisele (wieder einmal bester Mann am Platz) der unzählige Male mit dem taunassen Stadionrasen Bekanntschaft machen mußte.
Neben dem Cupspiel gegen Rapid [Anm.: 1:2 vor ca. 2.000 Zuschauern im Lindenstadion] war dies die beste Leistung der Eisenstädter in der heurigen Saison. Das zeigt, daß die Mannschaft mit der Aufgabe wächst, aber noch nicht die Reife besitzt, daraus Kapital zu schlagen.

So wurde der mineralwassergestärkte Kampfgeist des SCE-Römerquelle durch das Feh-Taschentuch der Vienna aufgesaugt, die ihren Vorsprung in der Tabelle auf vier Punkte erhöhen konnte, da der WSC gegen die Rapid aus Lienz nur 1:1 spielte.

Und während die Europapokal-Verlierer des AS Saint Etienne auf dem Pariser Champs Elysées wie Sieger gefeiert wurden, wird es auf der Eisenstädter Hauptstraße weit ruhiger zugegangen sein.

Dieses 0:1 blieb in der Saison 1975/76 jedenfalls die einzige Niederlage, die der SCE in seinem Lindenstadion hinnehmen musste. Am Ende der Saison war der First Vienna Football Club 1894 überlegener Meister der Nationalliga. Mit 46 Punkten rangierten sie sieben Punkte vor dem 1. Wiener Neustädter SC, acht vor dem Wiener Sport-Club/Post und neun Punkte vor dem SC Eisenstadt, der sich nach einem tollen Endspurt noch Platz Vier sichern konnte.

Faksimile – BF-Onlinearchiv: Szene 1. Wiener Neustädter SC vs. SCE 4:0

Heiße Duelle zwischen dem ältesten Fußball-Klub des Burgenlandes und jenem Österreichs gab es im Laufe der Jahre noch einige. Der allerletzte Auftritt der Vienna in Eisenstadt, die ja auch der erste „Stargast“ im 1953 eröffneten Lindenstadion war, fand am 29. September 2006 statt.

Für den SCE begann dieses Spiel nicht sehr verheißungsvoll. Der Spielbericht über die 1:4-Niederlage wird auf http://www.ostliga.at mit folgenden Worten eröffnet: „Das Spiel schien unter keinem günstigen Stern für den SC Eisenstadt zu stehen, da sich ihr Standard-Keeper, Thomas Wieninger, verletzte und nun, ausgerechnet gegen die Vienna, ihr Tormanntrainer einspringen mußte. Gerhard Cecil kann jedenfalls zufrieden sein, denn er erhielt keinen Gegentreffer, mußte allerdings schon in der 9. Minute mit einer Zerrung vom Platz. Für ihn kam nun der Tormann der SCE 1b, Christian Panzenböck.“

Aber immerhin brachte Gökhan Soymisirlio den SCE in der 15. Minute mit 1:0 in Front und die Führung für die Gäste kam erst kurz vor der Pause, weshalb man als treuer SCE-Fan durchaus stolz auf die an jenem Tag erbrachte Leistung sein konnte.

Danach gab es noch drei Begegnungen zwischen diesen beiden Vereinen, von denen zwei auch angepfiffen wurden. Zunächst das Rückspiel auf der Hohen Warte, das 2:2 endete sowie der 2:1-Sieg des SCE im Ritzinger Sonnenseestadion. Die Partie, die für den 2. Mai 2008 vorgesehen war, wurde mit 3:0 für die Vienna gewertet, da der SCE ja schon den Spielbetrieb eingestellt hatte.

Und weil ich schon dabei bin, möchte ich noch kurz über das erste Meisterschaftsspiel zwischen den Roten aus der burgenländischen Landeshauptstadt und den Blaugelben aus der Bundeshauptstadt berichten: Es war in der Debütsaison des SCE in der obersten Liga Österreichs 1967/68.
Im Rahmen der elften Meisterschaftsrunde kam die Vienna am 18. November 1967, ins Lindenstadion. Dieses Duell wurde sogar zum „Schicksalsspiel“ beziehungsweise zum „wichtigsten Spiel der Saison“ erklärt. Warum? Na ja, der SCE lag nach zehn gespielten Runden mit mageren sechs Pünktchen am vorletzten Platz der Nationalliga. Aber immerhin punktegleich mit Sturm Graz, Radenthein und eben der Vienna. Gegen die ebenfalls nicht gerade berauschend spielenden Döblinger musste unbedingt der dritte Sieg her.

Bei herrlichem Spätherbstwetter und etwas tiefem Boden kam der SCE in den neuen Rot-Schwarzen Dressen aus der Kabine. Die ganz in Weiß gekleidete Vienna gesellte sich hinzu und die Teams wurden von den knapp 5.000 Zuschauern auf der noch nicht überdachten Tribüne des Lindenstadions herzlich empfangen.

Nach dem Schlußpfiff von Schiedsricher Marschall wurden Raketen und Knallkörper abgeschossen und die SCE-Spieler lagen sich jubelnd in den Armen. Dank der Treffer von Pogac (41.) und Cvitkovic (55.) siegte der SCE 2:0. Blieb auch im vierten Spiel in Folge ungeschlagen (zuvor 1:0 in Bregenz, 1:1 gegen die Admira und 1:1 beim GAK) und konnte sich durch diesen Sieg etwas vom Tabellenende entfernen. Doch nach zwei anschließenden Niederlagen lag der SCE wieder auf dem vorletzten Platz. Dies ist aber eine andere Geschichte…

Faksimile – BF-Onlinearchiv: Szene SCE vs. Vienna

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 70er-Jahre veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.