Der Silberball (1948)

In diesem Bericht bringe ich die Geschichte einer längst vergessenen Mannschaft des SCE ans Tageslicht, erzähle zugleich ein wenig von einem neu gegründeten Verein und natürlich ausführlich über dessen Turnier, das er im Sommer 1948 veranstaltete.

© Gerhard Tinhof / sce1907.wordpress.com

Das Burgenland durchlebte im Jahre 1948 gerade das dritte Friedensjahr und war fest in der Hand der sowjetischen Genossen. Der Fußball bot dabei natürlich Abwechslung zum (tristen) Alltag und so wurden überall im Lande neue Vereine gegründet beziehungsweise jene neu belebt, die den Spielbetrieb aufgrund des Krieges einstellen mussten.

Im Frühjahr 1948 berichtete die „Burgenländische Freiheit (BF)“  über einen solchen Verein: Sportklub der Freistadt Rust wurde bei der kürzlich abgehaltenen Gründungsversammlung der in Rust gegründete Sportverein benannt. Eigentlich ist es ein Wiedererstehen des seit 1938 stillgelegten Sportklubs. Zum Obmann wurde Bürgermeister Wiesinger, zum Stellvertreter Bäckermeister Lang, zum Sektionsleiter Friseur Stuppacher, zum Schriftführer Hauptschullehrer Fischer gewählt. Dr. Irscher entbot in der Gründungsversammlung die Grüße des BFV, des Gruppenobmannes Straka und des Eisenstädter SC.

Der SCE, der damals in der 1. Klasse – Gruppe Mitte spielte, entrichtete den Rustern seine Grüße, was sicher auch meinen Opa – den Bäckermeister Lang – gefreut haben wird…

Ein paar Monate später – im Juli 1948 -, als sich der SCE gerade im Burgenländischen Cup empor spielte, kam es zur Gründung der „Senioren des SC Eisenstadt“. Am 11. Juli gastierten die SCE-Senioren bei ihrem ersten Auftreten in Mörbisch und hinterließen in technischer Beziehung einen ausgezeichneten Eindruck, wobei das Spiel mit einem 3:3-Remis endete. Leider wurden nicht alle SCE-Akteure erwähnt: Im Tor stand Scherz und am Feld Kurz, Machon, Szabo, Zoklitsch, Fraß und Rinner.

Danach wurden die Senioren in die Freistadt Rust geladen, um sich mit dem neuen Klub zu messen. Die „Alten Herren“, die in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg den SC Eisenstadt im Burgenland repräsentierten, stellten folgenden Kader: Schauer, Ceck, Rinner, Zoklitsch, Machon, Szeinz, Braunshier, Schmelz, Lang, Kurz, Szabo. Diese technisch gut beschlagene Mannschaft siegte in Rust klar mit 7:0 Toren, wobei noch zu erwähnen ist, dass sich die Grün-Gelben tapfer schlugen und der im Sturm spielende Ruster Bürgermeister Wiesinger so manche Chance vernebelte.
Ein Spieler – des SCE – wurde besonders hervorgehoben – nämlich Lang, der einstmals vielgefeierte und bejubelte Stürmer der Eisenstädter Kampfmannschaft hatte von seinem Können und seiner gewaltigen Schußkraft sehr wenig eingebüßt.

Am Mittwoch, den 21. Juli 1948, kam es dann zu einem Stadtderby, denn die SCE-Senioren traten zum Duell gegen eine Auswahl des Finanzamt Eisenstadt an. „Das Spiel war von bester Freundschaft getragen und zeigte zeitweise sehr guten Sport. Besonders die Finanzmänner waren es, die große Spielfreude an den Tag legten und von Anbeginn wuchtig auf einen Sieg lossteuerten.“, berichtete die BF.
Bei den Senioren debütierte die einstmalige Kanone der SCE-Kampfmannschaft, Straub, mit reichlicher Nervosität und als das Spiel mit einem 3:3-Remis zu enden schien, legten sich die Alt-SCEler kräftig ins Zeug und besiegten die Finanzler mit 4:3.

Anfang August 1948 gastierte dann der berühmte Badener AC in Eisenstadt. Doch bevor den Zuschauern dieser Leckerbissen präsentiert wurde, empfingen die SCE-Senioren den SCF Rust zum Rückspiel, das sie mit 4:1-Toren für sich entscheiden konnten.
Anschließend spielten die Kurstädter in der ersten Halbzeit gegen den SCE groß auf und führten als der Pausenpfiff ertönte mit 3:0. Nach dem Seitenwechsel fiel der erste Treffer des SCE, danach dank eines Elfmeters – das Foul soll angeblich nur der Schiedsrichter gesehen haben – gar das Anschlußtor und gleich darauf aus Abseitsposition der 3:3-Ausgleichstreffer. Am Ende gingen aber die Badener als 4:3-Sieger vom Platz.

In den Tagen darauf wurde verkündet:
(BF) Erstes Pokalturnier der jüngsten und zielstrebigsten Vereine des Bezirkes Eisenstadt
Der junge, aber überaus ambitionierte und spielfreudige Verein der Ruster Arbeitersportler hat den Vorschlag, ein Pokalturnier durchzuführen, seitens seiner vorbildlich und in uneigennütziger Weise arbeitenden Vereinsleitung angenommen und gibt folgendes bekannt:
In Anbetracht der kommenden Meisterschaft, an der erstmalig die Vereine aus unserer unmittelbaren Umgebung teilnehmen werden, haben wir uns entschlossen, die uns angeeigneten Spielkenntnisse in Form eines Pokalturniers zu messen. Wir haben zu diesen [sic] Turnier folgende Mannschaften eingeladen: die Arbeitersportler aus Mörbisch, den Oggauer Sportverein und die Senioren des SC Eisenstadt. Es sind dies die einstigen Lieblinge des Eisenstädter Fußballpublikums und Vorkämpfer der Arbeitersportbewegung in [sic] Burgenland.
Wir hoffen, mit dieser sportlichen Veranstaltung den Weg zum uneingeschränkten Massensport aller arbeitenden Menschen zu erweitern und laden alle Anhänger und die es werden wollen herzlich ein, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Der Sportverein Rust stiftet einen äußerst wertvollen Pokal. Weitere Preise des ASKÖ Landeskartell Burgenland, belohnen die weiteren Sieger. Der Beginn der Veranstaltung wurde für den 8. August 1948 festgesetzt und findet sein Ende am Sonntag, dem 15. August 1948. Mit einer Siegerehrung durch den Präsidenten der Arbeitersportbewegung, Herrn Landesrat Bögl, findet die Veranstaltung ihren Abschluß.

Der 8. August 1948 kam, und nachdem die Arbeit in der Backstube erledigt und das wohltuende Nickerchen zu Ende war, wird wohl mein Großvater zum Ruster Sportplatz gegangen beziehungsweise mit seinem alten Militär-Jeep oder seinem Motorrad gefahren sein.

Meine Oma dürfte diesem Turnier wohl fern geblieben sein, da sie gerade mit meiner Mutter hochschwanger war und sich um meine künftigen Tanten kümmern musste/durfte!

Vom ersten Spieltag berichtete die BF:
Pokalturnier in Rust – Eisenstädter Senioren – Oggau 5:2, Rust – Mörbisch 5:0
Die Spiele, die mit obengenannten Vereinen am Sonntag, dem 8. August, den Kampf um eine lohnenswerte Trophäe in Form eines herrlichen Silberballes, nicht, wie irrtümlich berichtet, eines Pokales, eröffneten, brachten überraschende Ergebnisse.
Der Losung nach spielten die Senioren des SC Eisenstadt gegen die als hoher Favorit geltenden Oggauer und fertigten diese nach einem schönen Kampf mit 5:2 Toren sicher ab. Der Ball lief bei den Senioren von Mann zu Mann wie einst im Mai und zeigte von ehemaliger Größe. Daß die Halbzeit die Eisenstädter bloß mit 1:0 im Vorteil sah, ist der Schußunsicherheit der Stürmer zuzuschreiben. Nach Seitenwechsel wurde nun ernsthafter gearbeitet und Karner war es, der den Führungstreffer von Kurz mit zwei weiteren Toren in kurzer Zeit auf 3:0 erhöhte. Die Senioren sahen den Sieg nun scheinbar in der Tasche und wurden sichtlich unberechtigt lässig. Dies erkannten die Oggauer und legten mächtig los: es dauerte auch nicht lange und der Stand hieß 3:2. Der Ausgleich schien bereits in der Luft zu liegen. Hier erkannten die Eisenstädter die Gefahr, und noch einmal wurde ihre Angriffsmaschine ins Rollen gebracht. Mit zwei weiteren Toren stellte Karner den Endstand her. Besonders hervorzuheben wäre Kotschis als Mittelhalf, der eine ausgezeichnete Partie lieferte. Weiter ist Szabo am linken Flügel und Rinner in der Verteidigung zu nennen. Schauer im Tor arbeitete zufriedenstellend, aber reichlich unsicher.

Im zweiten Spiel kam es dann zum ewig jungen Duell der Ruster gegen die Mörbischer (bin ja auch zu einem Teil ein Miawischer – mein Opa stammt aus der Mörbischer Weinberggasse und zog dann in die Stadt, wo er in der Ruster Weinberggasse heimisch wurde). Die Ruster siegten jedenfalls klar über den südlichen Nachbarn mit 5:0.
Im Spiel um Platz Drei trafen sich nun Mörbisch und Oggau und das Finale um den Silberball bestritten die SCE-Senioren und der SC Freistadt Rust.

Spielbericht vom Finaltag (BF):
Entscheidung um den Silberball in Rust! SC Eisenstadt – SC Rust 4:0
Das Entscheidungsspiel um den Silberball zwischen den Senioren des SC Eisenstadt und der ersten Mannschaft des SC Rust, das Spiel, welches von einigen hundert begeisterten Zuschauern lebhaft verfolgt wurde, sah die technisch besseren Senioren im Vorteil. Sie sicherten sich dadurch einen 4:0-Sieg, der ihnen den heiß umstrittenen Silberball eintrug.
In anschließender Siegerehrung führte der Präsident des BFV, Herr Willomitzer, den hohen Wert solcher Turniere vor Augen und Bürgermeister Wiesinger dankte in abschließenden Worten allen Aktivisten und Gönnern. Ein gemütliches Beisammensein im Stadtkeller der Freistadt Rust vereinte Sieger und Unterlegene in bester Stimmung bis zur frühen Morgenstunde. Der Erfolg war ein voller, und wir können dem jungen, impulsiv nach aufwärts strebenden Verein nur gratulieren.

Eine Woche später erschien ein weiterer Bericht in der BF:
Das Entscheidungsspiel um den vom SC Rust gespendeten Silberfußball bestritten am letzten Sonntag die Hausherren und die Eisenstädter Alten Herren. Das Ergebnis war 4:0 (3:0) für die „Alten“. Es war ein typischer Erfolg der Erfahrung über die verzweifelt kämpfende, hoffnungsfrohe Jugend. Das Ergebnis trügt. Sechzig Minuten war Rust überlegen, fast die ganze zweite Halbzeit spielte sich in der Spielhälfte der Gäste ab, unzählige Chancen wurden vergeben, nicht einmal von einem Meter wurde das Leder über die Linie gebracht. „Fortuna“ war bei den Hauptstädtern! Hingegen hatten die „Alten“ mit ihrer Überrumpelungstaktik Erfolg. Vom Anstoß weg griffen sie vehement an und ehe die nervös und aufgeregt spielenden Ruster richtig im Bilde waren, lag Eisenstadt dank des Entgegenkommens der schwachen Ruster Abwehr mit drei Toren im Vorteil. Aus einem der wenigen Angriffe der Hauptstädter nach dem Wechsel fiel- wiederum ein Geschenk der Ruster Abwehr – der vierte Treffer. Die Alten Herren aus Eisenstadt stützten sich auf eine solide, harte und stoßsichere Verteidigung, in der Rinner durch seine Ruhe besonders hervorragte. Sehr brav kämpfte die gesamte Deckung, die den größten Anteil am schönen Erfolg hatte und vorne überragte Karner, der vierfache Schütze, seine Nebenleute. Der wieselflinke Karner, der außerdem den richtigen Torinstinkt hatte, brachte die gegnerische Abwehr zur Verzweiflung. Dagegen enttäuschte Lang gewaltig, er hatte einen ganz schwachen Tag.
Bei den Rustern gefiel trotz der Niederlage die gesamte Elf durch ihren nimmermüden Kampfgeist. Wenn die Elf so weiter macht, wird sie in der Meisterschaft keine schlechte Rolle spielen: Allerdings müßte „Fortuna“ ein wenig mithelfen! Der beste Mannschaftsteil war überraschend der Angriff, der einige schöne Sturmläufe inszenierte, aber vom Pech verfolgt war. In der Deckung war Schumitz der beste Mann. Er spielte wohl ambitioniert, doch kam er zu spät in Schwung. Vargyas hat sich stark verbessert, sein Zuspiel läßt aber zu wünschen übrig. Einen ganz schwachen Tag hatte das Abwehrtrio, Lackner, und der Tormann Stuppacher, beide scheinen schwache Nerven zu haben und patzten gewaltig. Ein korrekter Spielleiter war Herr Buranits. Den schönen Silberfußball und einen Blumenstrauß übergab nach dem Spiele nach einer kurzen Ansprache Präsident Willomitzer des BFV dem Kapitän der Eisenstädter, der von einigen Anhängern auf den Schultern vom Platze getragen wurde.

Der treffsichere Karner wurde sogleich für das erste Meisterschaftsspiel der Kampfmannschaft in das Team des SCE berufen. Der SCE gewann dieses daheim gegen den SV Wimpassing klar mit 8:3!

Der Silberball wanderte also nach Eisenstadt, doch was aus ihm in den vergangenen 64 Jahren geworden ist, bleibt leider im Dunkeln verborgen.

Quellen:
BF-Onlinearchiv
die drei Chroniken des SCF Rust

Hier ein älterer Bericht über den Klub aus meiner Heimatstadt: weiter…

© Gerhard Tinhof / sce1907.wordpress.com

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