Eintracht Braunschweig gastiert im Lindenstadion!

…so hieß es im Oktober 1968, als der Nationalliga-Klub SC Eisenstadt dem burgenländischen Fußball-Publikum einen Leckerbissen schmackhaft machen wollte. Man konnte nämlich den entthronten Meister der Deutschen Bundesliga für ein Freundschaftsspiel verpflichten.


© Gerhard Tinhof / sce1907.wordpress.com

Heuer (2013) machte die Eintracht wieder von sich reden, indem sie sich einen direkten Aufstiegsplatz in die oberste Liga Deutschlands sichern konnte.
Vor ein paar Jahrzehnten waren die Niedersachsen sogar Gründungsmitglied der Bundesliga und krönten sich in der vierten Saison der jungen Liga, nachdem sie zuvor dreimal im Mittelfeld herumtümpelten, zum Meister Deutschlands. Damals hatten sie nach 34 Spieltagen zwei Punkte mehr auf dem Konto als Verfolger 1860 München. In der nächsten Saison siedelten sich die Braunschweiger dann auch gleich wieder in der Mitte der Tabelle an.

Anfang Oktober 1968 hatte der SCE gerade sein Nationalliga-Spiel am Meidlinger Wacker-Platz gegen die Wiener Austria vor gut und gerne 10.000 Zuschauern mit 1:3 verloren.

Faksimile – BF-Onlinearchiv:Austria vs. SCE 3:1

Austria vs. SCE 3:1

Nun stand aber eine Länderspiel-Pause auf dem Programm, da unser Nationalteam zum WM-Qualifikationsspiel gegen die Deutschen in den Prater lud.
Die SCE-Führung blieb aber nicht untätig und schaute sich nach einem Testspielgegner um, denn es stand das niemals einfache Spiel gegen die Salzburger Austria bevor. Man fand diesen Gegner in Eintracht Braunschweig, die erst ein Jahr zuvor in Österreich vorbei schauten – damals aber im Rahmen des Europapokal der Landesmeister.

Deutschlands Meister bekam es im alten Landesmeister-Pokal zunächst mit dem albanischen Vertreter Dinamo Tirana zu tun. Gespielt wurde allerdings keine einzige Minute, denn Tirana zog seine Teilnahme zurück.
Somit bestritt die Eintracht ihr erstes Europacup-Spiel beim SK Rapid, das sie auch gleich mit 0:1 verloren, doch da das Rückspiel mit 2:0 gewonnen werden konnte, schafften sie den Aufstieg ins Viertelfinale.
Dort bekamen sie es mit Juventus Turin zu tun und siegten zunächst daheim mit 3:2. In Italien setzte es eine 0:1-Niederlage und da es noch keine Auswärtstorregel gab, die heute Juventus zugute gekommen wäre, musste ein Entscheidungsspiel her. Dieses Spiel gewannen die Turiner in Bern mit 1:0 und schafften so den Einzug ins Halbfinale.
Den Final-Sieg holten sich dann die Red Devils auf Manchester, die im Londoner Wembley-Stadium vor 100.000 Zuschauern Benfica Lissabon mit 4:1 nach Verlängerung niederrangen.

Neben dem kommenden Gast im Lindenstadion und dem SK Rapid Wien blieben unter anderem folgende Klubs auf der Strecke: FC Karl-Marx-Stadt, Valur Reykjavik, Glentoran FC, Jeunesse Esch, Hibernians Paola, Skeid Oslo, Dundalk FC … und viele mehr.

Am 11. Oktober 1968 wurde das internationale Freundschaftsspiel im durch Flutlicht erhellten Lindenstadion um 19:00 Uhr angepfiffen. Gegen Braunschweig, das zu diesem Zeitpunkt an dritter Stelle der deutschen Bundesliga lag, machte der SCE eine gute Figur und schlug sich ausgezeichnet. Spielverderber war der Regen, der bis kurz vor Spielbeginn anhielt, und so viele Leute davon abhielt in den Schloßpark zu kommen. Am Ende verirrten sich knapp 1.500 Zuschauer zu diesem Spiel.
Jene, die kamen, bewiesen aber jenen Kampfgeist, den die Mannschaft des SCE an diesem Abend zelebrierte. Sie hatten keinerlei Scheu und trafen schon in der zwölften Minute ins Netz der Gäste, doch nach einer „Nachdenkpause“ verwehrte Schiedsrichter Wlachojanis dem eben erst gegebenen Tor die endgültige Anerkennung.
Dafür klingelte es halt etwas später im Tor von Gäste-Goalie Öller. Varga trat einen Freistoß voller Dampf und legte für Leskovich auf, dessen kraftvoller Schuß das 1:0 bedeutete.
Die Braunschweiger erholten sich aber wieder von diesem Schock und konnten vor der Pause durch Saborowski ausgleichen.

In der zweiten Halbzeit wurde die Partie noch tempo- und abwechslungsreicher. Nach einem wunderschönen Solo Alfred Eiseles sprintet Thometich II in die Abwehraktion der Deutschen und schiebt den Ball unter Öller ins Tor. Unbeschreiblicher Jubel hallte vom Schloßpark runter in die Stadt!
Der SCE kontrollierte nun das Spiel, war aber bei Konterattacken der Gäste voll gefordert. In der 86. Minute gab es einen Eckball der Deutschen, und Weiß kann ungedeckt und unbehindert zum Ausgleich einköpfeln.
Endstand: SC Eisenstadt vs. Eintracht Braunschweig 2:2.

Faksimile – BF-Onlinearchiv:SCE vs. Braunschweig 2:2

SCE vs. Braunschweig 2:2

Für den SCE spielten: Schorn; Kommanovits, Enz, Pogac, Hanbauer; Granabetter, Leskovich; Solleder, Eisele, Sauter (46., Thometich II), Varga.

In der BF wurde über jeden SCE-Spieler eine Kurzkritik geschrieben:
Schorn: Großartige Reaktion, auf der Torlinie kaum zu bezwingen. Bei hohen Flanken in den Strafraum hinein jedoch sehr unentschlossen, daher sind beide Tore ein „Teilerfolg“ von ihm.

Kommanovits: Eine brave kämpferische Leistung gegen den gefährlichsten Stürmer de Gäste. Er gibt in jedem Spiel, was er hat. Seine Schnelligkeit ist kaum noch zu verbessern, daher wäre er auf einem anderen Platz im Team noch wertvoller.

Enz: Bemühte sich sehr, doch fehlte die Übersicht. Er wäre wahrscheinlich ein ausgezeichneter Außendecker. Als Innenverteidiger bleibt er ein ständiger Grund zum „Zittern“ für Mitspieler und Zuschauer.

Pogac: Großartige Leistung. Vor allem im Kopfballspiel den grandiosen Deutschen sogar noch überlegen. Gutes Stellungsspiel.

Hanbauer: Ein Gewinn für die Mannschaft. Eine abgerundete Leistung.

Granabetter: Ein starker Konditionsspieler mit ungeheurem Kämpferherz. Ausgezeichnete Partie.

Leskovich: In dieser Verfassung sehr wertvoll. Sein Tor war erste Marke.

Solleder: In der zweiten Welle nicht so wirkungsvoll wie vorne. Sein großes Plus, dass er überraschende Chancen herausarbeitete, wird in der zweiten Welle vertan.

Eisele: Nach schwächerem Beginn eine ganz große Leistung. Immer anspielbar.

Sauter: Hat noch keinen Kontakt mit seinen Nebenspielern.

Varga: Sehr agil, doch fehlt die Übersicht.

Thometich II: Recht quirlig. Beim zweiten Tor sehr kaltblütig.

Im Schatten des Länderspieles fandes zudem noch weitere Partien von Nationalliga- gegen Bundeslia-Klubs statt:
Auf der Hohen Warte wurden knapp 2.000 Zuschauer Zeugen eines späten 2:1-Sieges der Austria gegen Hertha BSC Berlin, da beide Tore der Veilchen erst in der 90. Minute fielen.
In der fernen Pflaz kam der Wiener Sport-Club zu einem 1:1 beim 1. FC Kaiserslautern und am längs geschliffenen Red-Star-Platz trennten sich die Rapid-Senioren von jenen des 1. FC Nürnberg mit 4:4!

Faksimile – AZ-Onlinearchiv:

Altherrenspiel

Altherrenspiel

Übrigens: Österreichs Nationalteam, bei dem SCE-Spieler Géza Gallos im Kader stand, unterlag in Wien vor 70.000 Zuschauern der Bundesrepublik Deutschland mit 0:2 und eine Woche nach dem Spiel gegen die Braunschweiger Eintracht remisierte der SCE – mit weit weniger Kampfgeist – gegen Austria Salzburg 1:1 und rangierte auf Platz Zehn der 15er-Liga.

© Gerhard Tinhof / sce1907.wordpress.com

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 60er-Jahre veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.